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FLHE Advanced: Das Spiel vor dem Flop

Wir hatten bereits im Rahmen der Beginnerstrategien eine Artikelserie für Fixed-Limit Hold'em angeboten. Diese ersten Artikel waren für Anfänger ausgelegt, die entsprechend des Bankroll-Managements auf den kleinsten Limits starten und dort gegen typische Microlimit-Spieler antraten. Wir hatten die Grundlagen des Preflop-Spiels erläutert sowie ein Starthandchart präsentiert.

In dieser Artikelserie soll nun auf das Spiel in den etwas höheren Limits eingegangen werden, auf die notwendigen Anpassungen bei den Starthänden, darauf, wie Made Hands und Drawing Hands gespielt werden sollten und welche weiteren spielstrategischen Anpassungen erforderlich sind.

Voraussetzung für diese fortgeschrittenen Artikel ist aber, dass man entweder die Fixed-Limit-Artikel aus dem Anfängerbereich kennt und/oder bereits Erfahrung auf den unteren Levels aufweisen kann.

Anpassung an höhere Limits

Mit dem Aufstieg in den Limits verändern sich die Gegner – der durchschnittliche Gegner wird besser – und somit müssen wir unser Spiel diesen neuen Umständen anpassen. Grundlegende Veränderungen mit steigenden Limits:

  1. Die Gegner werden tighter.
  2. Die Pots werden durchschnittlich kleiner und es gibt weniger Multiway-Pots, wir sind häufig heads-up oder maximal zu dritt auf dem Flop.
  3. Die Blinds spielen eine größere Rolle, denn durch kleinere Pots stellen sie einen größeren Anteil am Gesamtpot dar.

Daraus ergeben sich einige wichtige Veränderungen in unserem Spiel:

  • Zu 1) Wenn die Gegner tighter spielen, haben sie durchschnittlich eine stärkere Hand, wenn sie in das Spiel einsteigen.
  • Zu 2) Es gibt weniger profitable Situationen für spekulative Hände wie kleine Paare und Suited Connectors, da zu wenig Spieler und somit zu wenig Geld im Pot ist.
  • Zu 3) Wenn die Blinds einen großen Teil des Gesamtpots ausmachen, wird es wichtiger, darum zu kämpfen. D. h., wir sollten unsere Blinds öfter verteidigen und gleichzeitig versuchen, häufiger die Blinds der Gegner zu stehlen.

In der Anfängerversion gehen wir davon aus, dass stets eine Reihe weiterer Spieler in den Pot einsteigt, wenn wir in früher oder mittlerer Position nur callen. Beispielsweise eröffnen wir in früher Position mit einem Open Call Hände wie bis ,    offsuit,    bis suited sowie suited. Diese zusätzlichen Spieler, die mit durchschnittlich schwächeren Händen callen, führen dazu, dass diese Hände auch früher und somit schlechter Positionen spielbar sind. Wenn wir nun jedoch davon ausgehen, dass die Gegner eine durchschnittlich korrektere (tightere) Starthandauswahl anwenden, werden wir seltener von schwächeren Händen gecallt. Steigen also jetzt Spieler mit uns in den Pot ein, haben sie deutlich stärkere Hände.
Durch das bessere Preflop-Spiel der Gegner kommt es auch dazu, dass die durchschnittliche Preflop-Aggressivität an Tischen mit steigendem Limit zunimmt. Und somit werden wir häufig von Gegnern isoliert und müssen in schlechter Position mit mittelstarken Händen in erhöhten Pots spielen. Kein gutes Szenario. Wir müssen uns also überlegen, wie wir dem entgegenwirken können.

Die Lösung ist recht einfach und besteht aus zwei wesentlichen „Regeln":

  1. Wir müssen in früher Position sehr (!) tight spielen.
  2. Wir sollten nicht mehr mit einem Call eröffnen.

Daraus ergeben sich einige Anpassungen an unserem bisherigen Starting Hand Chart (SHC):

In früher Position:

  • Bisher haben wir mit bis gecallt. Jetzt erhöhen wir mit und und folden und .
  • Große Karten, besonders wenn sie offsuited sind ( und ) werden gefoldet.
  • Es werden keine Erhöhungen gecallt: entweder reraisen (3-betten) wir oder wir folden.
  • Spekulative Karten einer Farbe wie bis , und sollten konsequent gefoldet werden.

In mittlerer Position:

  • Hände, mit denen wir bisher gecallt haben, werden geraist, sobald wir als Erster in den Pot einsteigen (alle „Calls" werden zu „Raise0")
  • Es werden keine Erhöhungen gecallt: entweder 3-betten wir oder wir folden.

In später Position:

  • Wenn wir als Erster in den Pot einsteigen, können wir mit vielen Händen versuchen, die Blinds zu stehlen. Das gilt insbesondere auf dem Button, aber auch aus dem Cut-off ist dies ein wichtiger und profitabler Spielzug. Besonders, wenn die Spieler im Small und Big Blind sehr tight spielen und wir vermuten, dass sie uns oftmals ihre Blinds überlassen.
  • Eine gute Position in den Postflop-Setzrunden erlaubt es uns, mehr Hände zu spielen. Dabei dürfen die Odds jedoch nicht außer Acht gelassen werden und spekulative Hände wie kleinere Suited Connectors oder kleine Paare nur dann gespielt werden, wenn vor uns genügend Gegner eingestiegen sind. Weil auf diesen Tischen, wie oben bereits erwähnt, im Durchschnitt weniger Spieler den Flop sehen, müssen wir diese Hände oft folden.

In den Blinds:

  • Besonders als Big Blind sollte man regelmäßiger verteidigen als auf den Microlimit-Tischen.
  • Sollte der Smallblind versuchen, unseren Big Blind zu stehlen, haben wir die ganze Hand über Position und können mit den meisten Händen unseren Big Blind verteidigen.
  • Steals aus später Position bzw. aus dem Small Blind können häufig geraist werden, wenn wir eine schwächere Hand beim Gegner vermuten. Dadurch ergreifen wir die Initiative, was es uns oft ermöglicht, den Pot bereits auf dem Flop zu gewinnen. Zudem haben wir auch noch den Vorteil der Fold Equity und können so einige Pots gewinnen, in denen sowohl der Gegner als auch wir den Flop verpassen.
Blinds Stehlen und Verteidigen 

Bei dieser Aufstellung wird deutlich, dass wir unser Spiel vor allem um die Blinds herum stärker als bisher an die Gegner anpassen sollten. Wenn wir gegen Spieler antreten, die häufig unseren Big Blind angreifen, müssen wir entsprechend häufiger verteidigen. Lassen sich die Spieler links von uns zu oft die Blinds stehlen, müssen wir in später Position jede Möglichkeit nutzen, die Blinds zu attackieren.

Aber wie „häufig" sollte man denn nun tatsächlich angreifen oder verteidigen?

  • Hierzu ein Beispiel:

1/2-Limit Hold'em: Angenommen, alle Gegner folden zu uns im Small Blind. Wenn wir erhöhen und der Big Blind foldet, gewinnen wir sofort $1,5 (SB 0,5 + BB 1). Der Steal-Versuch kostet uns ebenfalls $1,5.

EV = p(fold) x $1,5 - (1 - p(fold)) x ($1,5)

Der Erwartungswert ist also $1,5 Gewinn multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, dass der BB foldet, abzüglich $1,5 (unser Einsatz) mal der Wahrscheinlichkeit, dass der BB nicht foldet.

Wenn dieser Erwartungswert größer als 0 ist, haben wir eine profitable Situation. Der Wert ist genau 0, wenn der BB die Hälfte seiner Hände foldet, also in 50 % der Fälle. Damit also folgendes Ziel erfüllt ist:

EV > 0

muss gelten:

p(fold)>0,5 (=50%)

Wenn der Big Blind also weniger als 50 % seiner Hände verteidigt, sollten wir demnach in dieser Situation mit jeder Hand raisen. Erstens ist dieses Spiel schon dann profitabel, wenn wir nach dem Flop jeweils folden, dazu kommt aber, dass wir sicher das ein oder andere Mal eine wirklich gute Hand haben, obwohl der BB versucht, zu verteidigen. Und das bringt uns zusätzlichen Value.

Aber Achtung: Die Rechnung betrachtet nur das Preflop-Spiel und Hold'em besteht bekanntermaßen aus mehreren Setzrunden. Wer also nach dem Flop auch marginale oder schlechte Hände weiterspielen will, wird mehr Fold Equity brauchen. Als Fazit bleibt aber, dass man – je nach Spielweise des Gegners – mit vielen Händen stealen kann und auch, dass man nicht zu häufig gegen Steals folden sollte (also mehr als 50 % seiner Hände verteidigen muss, wenn der Gegner unseren Blind jedes Mal angreift), um dem Gegner nicht automatisch einen Vorteil zu verschaffen.
Generell gilt, dass wir den Big Blind mit allen Händen verteidigen sollten, die gegen die Range des Gegners eine Equity von 35 % oder mehr haben.

Abschließende Bemerkungen zum Advanced-Preflop-Spiel:
  • Der SHC ist nun also vor allem im Blind-Spiel nicht mehr als statische Anleitung zu sehen. In diesem Bereich kommt es stark auf die Tendenzen der jeweiligen Gegner an.
  • Es gibt Hände, die abweichend vom SHC je nach Situation am Tisch gespielt werden können und sollten. Wenn z. B. der Tisch sehr loose ist, kann es korrekt sein, kleinere Paare in früher Position zu callen.
  • Wenn der Tisch sehr tight ist, kann es profitabel sein, bereits aus mittlerer Position mit mittelstarken Händen die Blinds anzugreifen.
  • Wenn wir einen extrem loosen Spieler vor uns haben, sollten wir oft vom SHC abweichen und versuchen, ihn mit unseren stärkeren Händen zu isolieren.
      • Beispiel:
        Wenn der Spieler vor uns in mittlerer Position 50 % seiner Hände erhöht, sollten wir Hände wie z. B. ATo nicht folden, sondern reraisen. Der SHC geht davon aus, dass der Spieler vor uns ähnliche Starthand-Standards anwendet wie wir. Eine Erhöhung aus mittlerer Position bedeutet also eine Top-10%-Hand (77+, A9s+, KTs+, QJs, AJo+, KQo). Gegen diese Hand haben wir laut Chancenrechner nur knapp 39 % Equity und sollten folden. Gegen eine Range der Top 50 % aller Starthände besitzt ATo allerdings eine Equity von über 57 % und wir sollten erhöhen. Dies ist ein extremes Beispiel, hier empfiehlt es sich, ein wenig mit dem Chancenrechner und Handranges zu experimentieren um ein Gefühl zu bekommen, welche Hand gegen welche Range gut funktioniert. Generell kann man in Position erhöhen und versuchen, den Spieler vor sich zu isolieren, wenn man gegen dessen Range eine Equity von knapp 50 % oder mehr hat.

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