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Konzepte: Deepstack-Play

Das Spiel mit großen Stacks

Stellen wir uns vor: Wir sitzen noch nicht lange an einem NLHE-6-max-Tisch mit $0,5/$1-Blinds und unserem $100(=100 BB)-Stack, schaffen es dann aber innerhalb kurzer Zeit, zwei sehr große Pots zu gewinnen. Plötzlich haben wir deutlich mehr Chips als die meisten anderen Spieler am Tisch. Einzig ein Mitspieler, den wir als recht vernünftig, aggressiv und besonnen wahrgenommen haben, hat es ebenfalls zu einem ansehnlichen Stack geschafft. Er ist ungefähr gleichauf mit uns. Bisher kam es noch zu keiner Konfrontation und wir haben auch nicht unbedingt vor, uns mit dem anderen Bigstack anzulegen.
Uns fehlt außerdem die Erfahrung, viele Hände „deep" gespielt zu haben, also gegen Spieler, deren Stack die 200-BB-Marke überschritten hat.

Nun ereignet sich folgendes Szenario:

  • Beispiel 1:
Wir finden im Small Blind und erhöhen, nachdem unser „tiefer" Gegner und ein Shortstack gelimpt haben, auf sechs BB. Wir könnten oder sollten sogar um viel mehr erhöhen (acht BB wäre angemessen), aber wir möchten in unserer relativ schlechten Position und bei unserem Stack keinen riesigen Pot aufbauen.
Unser tiefer Gegner callt den Raise und wir sehen einen, wie wir normalerweise denken würden, bombastischen Flop: Wir haben den Nutflushdraw und zwei Overcards. Unsere übliche Spielweise dieser Hand ist und sollte sehr aggressiv sein: Mit einem 100-BB-Stack versuchen wir so schnell wie möglich, unseren gesamten Stack in die Mitte zu stellen.
Denn: Zusätzlich versuchen wir durch die aggressive Spielweise auch noch an Fold Equity zu gewinnen, also das gesamte Ausmaß an möglicher Equity für unsere Hand am Flop auszureizen. Gegen Hände wie Top Pair, ein Pocketpair oder einen Draw sind wir so hoher Favorit. Nur gegen ein Set, Two Pair und eine gefloppte Straße mit sind wir etwas weiter hinten. In diesen Fällen hätten wir sogar nur acht bis neun saubere Outs und nahezu 0 % Fold Equity. Ohne weiter darüber nachzudenken feuern wir also einen Continuation-Bet in knapper Pothöhe ab. Unser Gegner macht allerdings einen starken Raise auf das Vierfache unseres Bets. Was tun wir?


Dem oben beschriebenen Gedankenprozess folgend, würden wir nun also den Betsize-Regler nach ganz rechts schieben und unseren Stack in die Mitte befördern. Aber halt! Wir sollten zunächst ein paar wichtige Überlegungen anstellen.

Wir spielen nicht um unsere üblichen 100 Big Blinds. Wir spielen um weitaus mehr. Mehr als 270 BB, denn auch unser Gegner hat bereits so viele Chips angehäuft. Wenn wir diesen 270-BB-Stack in die Mitte schieben, von welchen Händen werden wir gecallt? Von den Händen, gegen die wir ein massiver Underdog sind: Ein Set Achten, Fünfen oder Vieren, eine gefloppte Straight mit . Gefloppte Two Pairs würden vermutlich sogar gegen diesen großen Raise folden.

Die erwähnten Hände, gegen die wir ein großer Underdog sind, sind an dieser Stelle äußerst wahrscheinlich: Unser solider, tiefer Gegner hat hinter einem Limper mitgelimpt. Somit liegen , , und in seiner anzunehmenden Handrange. Er macht einen substantiellen Raise, der anzeigt, dass er um einen sehr großen Pot spielen möchte. Unsere Hand ist zwar geeignet für einen großen Pot, allerdings ist unser Limit hier tatsächlich 100 BB. Für deutlich mehr als diese Grenze haben wir gegen die Hände, gegen die wir womöglich spielen, eine viel zu geringe Equity. Wir würden einen riesigen Bluff für unseren schönen, bisher mühsam aufgebauten Stack starten, bei dem wir eher auf einen Fold hoffen müssen.

Kommt denn nun ein Call in Frage?

Gehen wir von der genannten Handrange unseres Gegners aus (Two Pair, Set, Straight), so können wir uns nur acht saubere Outs geben. Die gibt uns zwar den Nutflush, paart aber das Board, sodass wir von allen Sets geschlagen werden und „drawing dead" sind. Wir wären damit am Flop knapp 25%-iger Underdog ohne weitere Bets auf dem Turn. Wir müssen $36 zahlen, um $74 zu gewinnen, der Pot offeriert uns also Odds von 2:1. Wir benötigen von Flop auf Turn allerdings viel größere Odds, da wir uns von einer Karte auf die nächste nur in 16 % der Fälle verbessern. Wir würden für einen Call mindestens Potodds von 5:1 benötigen. Rechnen wir mit Implied Odds, so müssten wir am Turn, falls wir unseren Nutflush machen, also umgerechnet noch gute $110 (= ca. 3 x $36) von unserem Gegner bekommen, um einen Call zu rechtfertigen. Da wir unseren Gegner bisher aber als vernünftig, solide und gut empfunden haben, können wir sehr sicher sein, dass er uns diesen „Pay-off" auf ein weiteres Herz, das ihm nicht gerade wie die ein Full House beschert, verweigern wird. Im Prinzip bleibt uns an dieser Stelle eigentlich nichts anderes übrig, als diese wunderschöne Hand zu folden. Der Grund: Wir sind ganz einfach zu „tief" und müssten Geld riskieren, das sich nicht für uns bezahlt macht.

Wie man an dieser Beispielhand sehr schön sieht, kann sich allein durch die Tatsache, dass man „Deepstack"-NL-Hold'em spielt, eine üblicherweise richtige oder gute Spielweise als völlig inkorrekt und katastrophal herausstellen, sobald man um 200 BB oder mehr spielt. Die Zahl und das Ausmaß der Fehler, die wir mit einem tiefen Stack begehen können, sind um ein Vielfaches größer. Wir können nicht mehr so einfach Top Pair/Top Kicker als gut genug betrachten, um damit mehr als 200 BB zu gewinnen oder zu verlieren. Wir sind an gewisse Hände bei einem tiefen Stack ganz einfach nicht gebunden, es sei denn, wir halten Near-Nuts oder sogar die Nuts. Mit „Deepstack" bezeichnen wir ab jetzt einen Stack, der die 200-BB-Marke überschreitet. Das Spielen von tiefen Stacks ist sehr viel komplexer als das Spielen mit einem einfachen 100-BB-Stack. Anhand einer einfachen Rechnung kann man direkt sehen, dass viel mehr Spielraum und Flexibilität bleibt, als mit einem 100-BB-Stack. Mit 100 BB besitzt man das Potential, seinen gesamten Stack bis zum River mittels pot-sized Bets in die Mitte zu befördern, wenn man möchte:

  • preflop: Ein Raise auf vier BB ergibt bei einem Call einen Pot von acht BB.
  • Flop: Eine Potbet in Höhe von acht BB ergibt bei einem Call einen Pot von 24 BB.
  • Turn: Eine Potbet in Höhe von 24 BB ergibt bei einem Call einen Pot von 72 BB.
  • River: Uns bleiben 64 BB (100 BB – 4 BB – 8 BB – 24 BB), die wir nun in die Mitte schieben können.


Man kann somit versuchen, sich eine Hand, deren Stärke man als sehr hoch schätzt, wie z. B. ein Set oder Top Two Pair, eine gefloppte Straße oder einen Nutflush, mittels Potbets für 100 BB komplett ausbezahlen zu lassen. Mit einem 200-BB-Stack können wir das nicht ohne einen Raise in einer der Setzrunden erreichen. Üblicherweise sollten wir das auch nicht anstreben, es sei denn, wir halten tatsächlich eine Near-Nut oder Nut-Hand. Es bleibt also bei einem Deepstack nicht aus, dass meist zwei sehr gute Hände aneinandergeraten müssen, mit denen man nur durch einen oder mehrere Raises erreichen kann, dass beide Stacks in die Mitte gehen. Es ist extrem wichtig, mit Händen, die für einen solchen „Chip-Druck" nicht geeignet sind, sprich Top-Pair-Hände, den Pot zu kontrollieren. Tief mit solchen Händen all seine Chips zu verlieren, ist ohne Reads ein fatales „Leak", auch im Shorthanded-No-Limit-Hold'em. 

Implied Odds/Reverse Implied Odds

Ein Vorteil des Deepstack-NLHE-Spiels ist: Die Implied Odds für jede Hand, die wir gegen einen anderen Deepstacked-Spieler spielen, erhöhen sich enorm. Sollte in einer Hand vor und auf dem Flop klein gesetzt worden sein, können wir gegen Gegner mit ähnlich großem Stack wie unserem durchaus damit rechnen, dass unsere getroffenen Draws (auf die Nuts oder Fast-Nuts) auf Turn und River mit größeren Bets ausbezahlt werden, sollte unser Gegner ein gutes Blatt halten. Jede Hand, die wir gegen deepe Gegner spielen, hat somit einen viel größeren, potentiellen Wert für uns.
Eine Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings, wie fast immer, dass wir Position auf unseren tiefen Gegner besitzen.

Genauso wie sich unsere Implied Odds erhöhen, werden aber auch unsere „Reverse Implied Odds" größer. Damit ist das Risiko gemeint, das wir aufgrund von vermeintlichen „Implied Odds" eingehen, die uns aber zum Nachteil werden, weil wir dominiert sein können. Das bedeutet beispielsweise für eine Hand wie , dass wir zwar unseren Flush machen und auf gute Auszahlung hoffen können, aber die Bedrohung eines uns dominierenden Flushes dabei größer und ihre Auswirkung fataler wird, als würden wir nur mit 100 BB spielen. Somit ergibt und begründet sich auch die Wichtigkeit, deepstacked einen besonders großen Pot nur dann bauen zu wollen, wenn die eigene Hand den Nuts sehr nahe kommt.

Protection und Planung

Ein sehr wichtiger Faktor, der auch durch das oben erklärte Beispiel offenkundig wird, ist Protection. Nehmen wir an, unser Gegner hat tatsächlich ein Set Vieren gefloppt und sieht unseren Potbet. Nun muss er versuchen, uns zu einem Fehler zu bewegen, und gleichzeitig muss er seine Hand vor dem möglichen Flushdraw protecten. Dies erreicht er durch einen substantiellen Raise, und keinen, den er vielleicht mit einem 100-BB-Stack machen würde. Bei 100 BB würde ein Raise auf $30 ausreichen, um den Pot am Turn für einen Push vorzubereiten. Dem ist nicht so bei 270 BB. Sein Raise kann und muss hier sogar viel größer ausfallen, da er auf jede Nichtherzkarte (es sei denn, es handelt sich um die ) den Turn pushen und sich an seine Hand binden möchte. Die Entscheidungen, die er bei einem kleinen Raise und einem Call unsererseits auf dem Turn treffen müsste, wären viel komplexer und vor allem weitreichender. Er kann weder ein Slowplay starten, denn fällt beispielsweise am Turn oder River ein , eine ;Qx, ein oder ein , könnte es sogar sein, dass wir mit einem Overpair unser Overset gegen seines getroffen haben. Genauso liefert ein Herz am Turn oder River eine weitere schwere Entscheidung, wenn wir ihm daraufhin Action gäben. Wir möchten unsere Hände, gerade deepstacked, mit substantiellen Raises und Bets bestmöglich beschützen und uns damit Entscheidungen auf späteren Straßen erleichtern. Gleichzeitig müssen wir unsere Hand, und gerade auch die Größe des Pots, weitestgehend durchplanen. Ein Beispiel hierzu:

  • Beispiel 2
Wir versuchen einen Blindsteal mit und werden von unserem tiefen Gegner gecallt. Wir floppen die absolute Nutstraight. In unserem Beispiel begeht Hero allerdings einen etwas fahrlässigen Fehler: Er verpasst es, seine Hand ausreichend zu schützen und sie mit substantiellen Bets und Raises sinnvoll durchzuplanen. Dadurch gibt er seinen gefloppten Nuts keine optimale Deckung und bindet sich nicht stark genug an sie. Dies führt zu einem katastrophalen Ergebnis:
Hero setzt einen Potbet am Flop und wird fast um das Minimum geraist. Sein Call gibt hier allerdings allen Händen, die gegen ihn drawen, wie Flushdraws, Two Pair, Sets etc., praktisch eine Freecard, ihre Outs zu treffen. Hero macht keinen substantiellen Raise, sodass eine genaue Planung und Bindung an die Hand nicht möglich ist. Es wird also ein Pot aufgebaut, der am Turn gerade einmal gut $50 betragen wird. Wir können also am Turn entweder einen massiven Overbet ansetzen, der fast von keiner Hand gecallt werden kann, oder wir setzen in Höhe des Pots, was aber immer noch Raum für Implied Odds für unseren Gegner bis zum River lässt. Wir setzen also unseren Potbet am Turn und werden gecallt. Am River kommt unsere Albtraum-Karte an und der Flush droht. Unser Gegner pusht all-in. Wir haben uns durch einen fehlenden Reraise am Flop in eine extrem harte Situation am River manövriert, aus der wir nunmehr fast nur noch mit einem Fold herauskommen. Wenn wir hier gegen einen fertigen Flush pleite gehen, haben wir einen katastrophalen Fehler begangen und ihn uns selbst zuzuschreiben. Auch wenn unser Gegner hier einen extrem harten Bluff durchziehen würde, hätte er uns ganz einfach an die Wand gespielt, da wir hier schlichtweg nicht mehr guten Gewissens und ohne besondere Reads callen können.


Eine richtige und gute Planung der Hand wäre gewesen:

Wir erhöhen am Flop auf einen so großen Betrag, dass wir auf jede Nichtherzkarte am Turn einen bindenden All-in-Bet machen können, um uns selbst vor zukünftigen schwierigen Entscheidungen zu schützen. Ein Reraise auf $70 würde genügen, um diesen Job zu erledigen: Wir hätten am Turn einen Pot von gut $150, sodass wir unseren Rest-Stack auf eine sichere Turn-Karte (kein Herz, kein Boardpair) in die Mitte schieben könnten.

Deepstack-Preflop-Game

Das Preflop-Game verändert sich deepstacked natürlich unter den bisher genannten Gesichtspunkten. Zum einen lassen sich gegen tiefe Gegner nun preflop auch marginale Hände für einen im Verhältnis zum Stack günstigen Raise in Position spielen (besonders Suited Connectors), müssen allerdings postflop mit extremer Vorsicht und mit extrem tighten Kriterien weiter gespielt werden. Das bedeutet, wir können versuchen, mit einer weiten Range von schwächeren Händen preflop zu versuchen, günstig einen Flop zu sehen, natürlich IN Position zum Gegner. Mit einer Hand wie lohnt es sich, den Preflop-Raise auf drei bis vier BB zu bezahlen, um auf eine bombastische Auszahlung auf einem guten Flop zu hoffen.
Zum anderen muss die Handselection gegen einen Raise und/oder einen Reraise nach oben angepasst werden. Es lassen sich viele Hände ganz einfach nicht mehr gegen einen 3-Bet (also einen Reraise) oder sogar einen 4-Bet (einen „Re"-Reraise) spielen und müssen gefoldet werden.

Ein einfaches Beispiel hierzu:

  • Beispiel 3

Ein recht vernünftiger, tighter Spieler eröffnet aus UTG mit einem Standard-Drei-BB-Raise.

Wir möchten unsere Hand vordefinieren und machen einen relativ kleinen Reraise. Eine weitere Option ist, hier einfach nur zu callen, da unsere Stacks so tief sind, dass es gefährlich ist, bereits preflop einen großen Pot zu bauen, ohne eine wirkliche „Nut"-Hand. Allerdings spricht unsere schlechte Position dagegen, und ein wenig Definition kann unserer Hand hierbei auch nicht schaden.

Der Big Blind callt unseren Reraise cold, was uns aber nicht sonderlich stört, da wir ihn als fischig einstufen. Viel mehr Sorgen macht uns nun der UTG-Raiser, der über unserem 3-Bet mit einer kleinen 4-Bet drübergeht. Wir müssten nun $28 in einen $54-Pot zahlen im Wissen darum, dass wir hier höchstwahrscheinlich bereits geschlagen sind. Wir müssten also, um nach dem Flop weiterspielen zu können, unser Set Jacks treffen.

Wir müssten nach Einrechnung von Implied Odds durch den Stack des Gegners mindestens 15:1 bekommen, aber wir können bei unserer eigenen Stacksize maximal sechsmal den zu callenden Betrag, sprich 6,25 x $28 = knapp $175, gewinnen. Somit müssen wir wohl oder übel bei gerade mal 8:1 Odds aufgeben. Der Gegner erspart uns weiteres Grübeln, ob er uns geblufft hat, und zeigt seine Queens.


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