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Gegnertypen: Calling Station

Dennoch entscheiden sich immer wieder Spieler dazu, in die passive Rolle am Tisch zu schlüpfen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Während der eine gern einen geselligen Abend mit Pokern verbringen und dabei Konfrontationen meiden will, möchte der andere möchte der andere durch sein passives Verhalten die loose-aggressiven Maniacs in ihre Schranken verweisen. Vielen behagt es einfach nicht, selbst zu setzen oder zu raisen bzw. – generell gesagt – freiwillig Geld in den Pot zu legen, ohne dazu gezwungen zu werden. Einige können einen solchen Stil sicherlich verfeinern und sogar so perfektionieren, dass er sich profitabel spielen lässt. Poker ist eben auch ein Spiel der Anpassungen und an einem überaus aggressiven Tisch ist der Spieler, der in den richtigen Spots die richtigen Calls tätigt, häufig der Gewinner.

In Teil 1 dieser Artikelserie wollen wir die Stärken und Schwächen der Calling Station genauer unter die Lupe nehmen. In Teil 2 und 3 werden wir darauf basierend einige Pre- und Postflop-Anpassungen an unsem tight-aggressiven Spiel vorzunehmen. Mit diesen können wir unser Spiel gegen die Calling Station maximal profitabel machen.

Charakterisierung

Generell ist die Calling Station (auch Station genannt) aber ein Spieler, der typischerweise eine sehr loose Preflop-Handauswahl betreibt. Er führt jede noch so marginale Hand immer nur im Modus Check-Call zum Showdown. Dies macht ihn langfristig gesehen zu einem der größten Verlierer am Pokertisch. Gegen eine Calling Station, also einen derart passiven Spieler als Gegner, spielt es sich daher prinzipiell auch am einfachsten.

Denn vorrangig sind es genau diese Spieler, die uns immer wieder mit Top, Middle oder sogar Bottom Pair ausbezahlen, wenn wir eine starke Hand floppen, und uns mit jedem Draw bis zum River hin verfolgen. Es kann ein Segen oder sehr frustrierend sein, gegen eine Calling Station zu spielen. Wichtig ist, die richtigen strategischen Ansätze gegen eine Calling Station zu wählen und sich nicht von den Ergebnissen beeinflussen zu lassen. Wenn die Station zum fünften Mal in Folge am River auf uns ausdrawt, waren unsere Value-/Protectionbets und Raises dennoch immer wieder korrekt und wir sollten beim sechsten Mal nicht den Fehler begehen, einen wichtigen Bet oder Raise wegzulassen, nur weil wir uns sagen: „Die Station drawt doch sowieso wieder aus". Der langfristige Profit, den eine solche Calling Station jedem kompetenten Pokerspieler beschert, wird von vielen oft durch die kurzfristigen Frustrationen überblendet.

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Spielertyp Calling Station im Detail, mit seinen Stärken und Schwächen, mit den verschiedenen Ausprägungen dieser passiven Spielweise und vor allem mit den strategischen Ansätzen im Kampf gegen diesen Gegnertyp, mit dem wir vorrangig auf den Micro- und Smallstakes-Levels zu tun haben.



1 Stärken

1.1 Die Calling Station ist nicht bluffbar

Wenn man jede noch so marginale Hand zum Showdown führt, egal wie groß und zahlreich die Bets und Raises bis zum River hin sind, entfernt man für einen aggressiven Gegner eine wichtige Komponente aus dem Spiel: die Möglichkeit, mit Aggression einen Spieler mit einer besseren Hand zum Folden zu bewegen.

Wenn Semi- und pure Bluffs keine Wirkung mehr haben, weil jeder Treffer zum Showdown geht, besteht an einem aggressiven Tisch die Stärke der Calling Station in genau dem, was sie am besten kann: callen.

Das Konzept eines Bluffs besteht typischerweise darin, eine starke Hand durch Bets und Raises zu repräsentieren. Damit dies den gewünschten Effekt erzielt, muss der Gegner über das Level, auf dem er nur seine Karten spielt, hinausgekommen sein. Er muss eine Ebene weiterdenken und verstehen können, was wir tun und was wir mit unserer Aktion repräsentieren möchten. Hier verlieren wir aber den Anschluss zur Calling Station, denn diese spielt exakt ihre Karten. Selbst wenn sie den Flop verfehlt hat und wir sogar aktuell mit Ace-high die beste Hand halten, verfolgt sie häufig weiterhin minderwertige Draws wie Overcards, Gutshots oder sogar Backdoor-Flushes. Semibluffs lohnen sich nur, wenn wir letztendlich treffen und die Station auch einen entsprechend großen Riverbet zahlt.

Beispiel zu 1.1:





In dieser Hand spielt Hero jede Straße suboptimal gegen die Calling Station. Der Preflop-Raise mit einer marginalen Hand bei mittelgroßer Stacksize und auch der Continuation-Bet auf einem extrem drawlastigen Board mit Middle Pair/No Kicker haben gegen die Calling Station keinen hohen bzw. oft eher einen negativen Erwartungswert. Die Bluffversuche auf Turn und River wären gegen einen starken, mitdenkenden Spieler sicherlich sinnvoll, aber wie wir sehen bezahlt die Calling Station mit Top Pair/No Kicker jede einzelne Straße, unabhängig von den vielen möglichen Kartenkombinationen, die sie schlagen könnten.


1.2 Die Calling Station hat hohe Implied Odds und bringt Gegner auf Tilt

Durch die loose Preflop-Handselektion und die große „Showdown"-Freudigkeit einer Calling Station wird natürlich auch heftig an der Varianzkurbel gedreht. Das bedeutet, dass wir viele, äußerst frustrierende Erlebnisse mit diesem Gegner haben können. Wenn wir Pech haben, setzen wir häufig als Favorit unser Geld, nur um dann den Pot zu verlieren, weil die Calling Station die von ihr benötigte Karte am River bekommen hat. Da ein sehr looses Preflop-Spiel unerwartet viele Hände hervorbringen kann, mit denen man nicht rechnet, sind die Implied Odds einer Calling Station gegen einen unvorsichtigen Gegner sehr hoch. Jeder Spieler läuft Gefahr, eine Calling Station auszubezahlen, wenn er sich nicht von einer starken Hand trennen kann, die sogar oft unbemerkt aufgrund der weiten gegnerischen Handrange am Turn oder River nicht mehr die beste ist. Dieser Umstand kann viele Gegner auf Tilt bringen. Dies ist eine subtile und eher unbewusste Stärke der Calling Station, denn durch eine Anhäufung solcher frustrierenden Erlebnisse fangen viele Spieler an, emotional überzureagieren und Fehlentscheidungen zu treffen. Das kann sich in einer Vielzahl von Symptomen niederschlagen: sei es in Form von Aggression gegen die Calling Station, die weiterhin konstant ihr Spiel durchzieht und davon unbeeindruckt bleibt, oder in Form von extremer Passivität (und damit verpasstem Value/verpasster Protection).

Beispiel zu 1.2:


Das Board und die loosen/passiven Tendenzen des Gegners rechtfertigen in dieser Hand sicherlich jeden Valuebet auf allen Straßen. Typischerweise wird von vielen Spielern mit schwächeren Händen wie Top Pair, Middle Pair oder Kombinationen von Pairs und Straightdraws (keine Flushdraws) bezahlt. Gerade die auf dem River macht es wahrscheinlich, dass wir sogar vorn liegen (sollte die Calling Station tatsächlich eine Hand wie oder etc. halten), daher auch der geringe Valuebet. Hier hat die Calling Station mit ihrem Flopcall bereits gute Implied Odds und bekommt, wie geschehen, auch jegliche Auszahlung durch unsere niedrigen Valuebets. Die Calling Station macht sich in ihrer Passivität häufig nicht bemerkbar, wenn sie ein stärkeres Blatt gemacht hat. So auch in dieser Hand.
Ein solches Ergebnis kann uns schnell auf Tilt bringen, da wir nicht nachvollziehen können, wie ein Spieler in dieser Art und Weise seine Hände herunterspielen kann. Mit der Tatsache, dass wir die Motive dieses Gegners nicht ergründen und verstehen können, müssen wir uns aber arrangieren und uns stattdessen auf eine sinnvolle Strategie gegen diese Spielweise konzentrieren.



2 Schwächen

2.1 Die Calling Station zahlt zu viel Geld für marginale Hände

Je looser die Calling Station preflop spielt, desto marginaler werden die Hände, die sie am Flop, Turn oder River machen kann. Top Pairs ohne Kicker, Middle und Bottom Pairs, Gutshots und Overcards sind Handkategorien, die eine Calling Station symptomatischerweise trifft und weiterspielt, ohne darüber genauer nachzudenken. Potodds und Implied Odds sind in der Regel für einen solchen Spieler Fremdwörter und daher zahlen sie mit diesen Händen einen unverhältnismäßig großen Preis auf jeder Straße. Der langfristige Erwartungswert dieser Spielweise ist extrem negativ, auch wenn viele kurzzeitige, varianzbedingte Erfolgserlebnisse eintreten und der Calling Station zu einem immensen Stack oder kurzfristigem Profit verhelfen können. Mit anderen Worten: Die Calling Station „verbrennt" dauerhaft Geld mit ihrer passiven, unreflektierten Spielweise.

Beispiel zu 2.1:



In dieser Hand begeht die Calling Station Fehler für Fehler auf jeder Straße: preflop mit einer marginalen Hand ohne Position einsteigen, mit einem Gutshot entgegen alle Odds den Flopbet zahlen, am Turn einen größeren Bet zahlen aufgrund des neu gewonnenen Paares und letztendlich den Rest am River bezahlen in der Hoffnung, einen Bluff aufdecken zu können.

2.2 Die Calling Station erhält zu wenig Geld für ihre starken Hände

Aufgrund ihres passiven Naturells wissen in der Regel alle mitdenkenden Spieler am Tisch, was die Stunde geschlagen hat, wenn die Calling Station einmal aktiv werden sollte. Sobald die Calling Station raist oder setzt, folden die meisten Gegner sehr schnell sogar ihre selbst mittelstarken Hände, die üblicherweise sehr viel Value gegen die Calling Station besitzen. Somit verfehlt die Calling Station das Ziel, ausreichend Value für ihre starken Made Hands zu bekommen, während sie weiterhin Geld in einer Masse marginaler Situationen verliert. Umgekehrt weiß sie aber auch genau diesen Umstand in keinster Weise für sich auszunutzen, da sie eben ihren Grundsätzen treu bleibend auch nicht blufft, um mehrere Pots zu gewinnen, in denen stärkere Spieler dann auch ihre mittelstarken Made Hands folden würden. 

Beispiel zu 2.2:


Die Calling Station checkt alle Straßen mit Bottom Set herunter in der Hoffnung, dass wir an irgendeiner Stelle ansetzen. Trotz des Faktes, dass wir selbst nicht getroffen haben, muss am Turn oder spätestens am River ein Bet platziert werden.



3 Stats-Profil

Wir versuchen in diesem Artikel ein möglichst umfassendes Bild des Gegnertyps Calling Station abzugeben. Allerdings können sich einzelne Calling Stations voneinander extrem unterscheiden. Es gibt Typen von Calling Stations, die einen Handtyp X bis zu einer ganz bestimmten Straße hin callen, aber dann auf einen Bet auf der nächsten Straße hin folden, sofern sich ihre Hand nicht mindestens zu Handtyp Y verbessert hat. Beispielsweise kann es Typen von Spielern geben, die NUR am Flop ein calling-station-ähnliches Verhalten an den Tag legen und jeden Flopbet callen, ungeachtet der Position, des Boards und der Hand.
Hier ist es wichtig, Tracking-Software und das entsprechende Display der Statistiken am Tisch zu Rate zu ziehen, um den Gegner individuell charakterisieren zu können.

Folgende Statistiken einer Tracking-Software sollen ein generelles Bild der Calling Station vermitteln und im Detail auf mögliche, individuelle Unterschiede und Aspekte hinweisen. Die Bedeutung der einzelnen Tracker-Stats und Referenzwerte könnt ihr in diesem Artikel nachlesen: /articles/?id=2942.

  • VPIP: Voluntarily Put Money into Pot > 30. Der VPIP einer sehr loosen Calling Station liegt in der Regel oberhalb von 30. Die gängige Charakteristik eines loosen/passiven Spielers ist zunächst seine loose Preflop-Handselektion, daher der hohe VPIP. Umgekehrt bedeutet aber ein geringerer VPIP nicht automatisch, dass der Gegner postflop keine Calling Station sein kann. Viele weak-tighte Spieler sind nach dem Flop zunehmend passiv und bereit, viele Calls zu machen, die man eher einer schlechten Calling Station zutrauen würde. Dennoch können diese Spieler kompetent sein und sich Gedanken um ihre Spielweise gemacht haben, um speziell aggressive und bluffende Gegner zu schlagen. Ein hoher VPIP ist ein guter Indikator für ein looses/passives Verhalten postflop, aber ein geringer VPIP bedeutet umgekehrt nicht automatisch, dass der Gegner nach dem Flop nicht loose und passiv weiterspielt.
  • PFR: Preflop Raise - Eine hohe Diskrepanz zwischen VPIP und PFR deutet auf extrem looses/passives Preflop-Verhalten hin. Je höher der VPIP und je niedriger der damit einhergehende PFR, desto wahrscheinlicher haben wir es mit einer Calling Station zu tun. Die Station limpt für gewöhnlich in jede Hand oder callt einen Raise unabhängig von ihrer Position, anstatt selbst preflop die Initiative zu übernehmen.
  • AF: Aggression Factor - Da die Zahl der Calls bei diesem Spielertyp die Zahl der Bets und Raises übersteigt, ist ein Gesamt-AF-Wert von unter 1 üblich. Sicherlich gibt es Spieler mit Tendenzen einer Calling Station, die einen AF von über 1 haben, da sie in bestimmten Situationen dennoch die Initiative ergreifen, aber ab einem Wert von 2 oder höher wird der Spieler postflop tendenziell aggressiver agieren. Hinweis: Einzelne AF-Werte bezüglich einer bestimmten Straße, vorrangig dem River, können den Normwert von 1 oder weniger weit überschreiten. Dies tritt typischerweise ein, wenn die Calling Station beispielsweise einen guten Lauf hat, auf diversen River-Karten ihre Hand macht und einen Bet raist bzw. selbst setzt.
  • AFQ: Aggression Frequency – Wenn die Calling Station die Option bekommt, aggressiv in Form eines Bets oder Raises zu handeln, wird sie dies üblicherweise nicht tun, es sei denn, sie hat tatsächlich eine nut-verdächtige Hand. Auch hier gilt wieder, Werte bezüglich einzelner Straßen können vom Standard abweichen, besonders in Phasen, während derer die Calling Station einen guten Lauf hat und auf vielen Rivers ausdrawt. Hier ist es wichtig, darauf zu achten, dass wir sie nicht ausbezahlen, wenn ein solcher Fall eintritt, da wir hier typischerweise mit Made Hands gegen Handkategorien wie Flushes, Straights oder Full Houses, die am River ankommen, geschlagen sein können.
  • WTSD: Went to Showdown - Dieser Wert sollte bei einer Calling Station tendenziell überdurchschnittlich hoch sein. Ein Wert von 30 oder höher ist nicht untypisch und beschreibt sogar noch das untere Ende der Werteskala. Wichtig: Auch hier unterscheiden sich gewisse Typen von Calling Stations. Ein niedriger WTSD kann daher rühren, dass ein spezieller Spielertyp nur Flop- und Turnbets callt, während er gegen große Riverbets öfter foldet, besonders wenn die vielen marginalen Draws nicht angekommen sind. In diesen Fällen sollte man den Werten „Fold to Flop Cbet" und „Fold to Turn Cbet" Beachtung schenken, da ein niedriger Wert hier auf eine Calling Station hindeuten kann. Umgekehrt bedeuten niedrige Werte in diesen Statistiken aber nicht, dass wir die Calling Station öfter am River bluffen sollten, nur weil der Fold-to-River-Bet-Wert höher ausfällt. Wenn die Station plant, jeden River zu check-folden, auf dem sie ihre Draws nicht trifft oder auf dem sie nur eine extrem marginale Made Hand hat, halten wir auch mit Händen wie Bottom Pair oder sogar Ace-high oft die beste Hand und können diese zum Showdown checken.
     


Unser Fokus muss in unserer Spielstrategie gegen die Calling Station bei den Schwächen ansetzen. Dies können wir auf verschiedenen Straßen mit unterschiedlichen Strategien tun:

4.1 Relative Position (preflop, multiway)

Entgegen der bisherigen 6-max-Strategie, so wenige Hände wie möglich heads-up gegen einen einzelnen Raiser zu spielen (gerade ohne Position), wollen wir in so viele Pots wie möglich gelangen, wenn auch die Calling Station diesen betritt. So können z. B. viele Suited Connectors und besonders Suited-Asse an Wert gewinnen, da wir per se gute Potodds und gute Implied Odds gegen die Calling Station haben. Zudem spielen wir eine Hand, mit der wir den Multiwaypot betreten, nicht immer nur gegen die Range des Preflop-Raisers, sondern besonders gegen die Range der Calling Station, die den Verlauf der Hand durch ihr loose-passives Verhalten durchweg bestimmt. Auch ein Preflop-Raiser kann, ohne eine starke Made Hand zu halten, keinen Pot gegen sowohl einen unbluffbaren Gegner als auch einen kompetenten TAG, wie wir es sind, gewinnen. Somit können wir bei günstiger, relativer Position in diesen Konstellationen versuchen, entweder die Calling Station zu isolieren oder aber gute Draws bei günstigen Potodds weiterzuspielen. Gute Konstellationen mit relativer Position zum Raiser und zur Station absorbieren Dead Money und geben uns genau die o. g. Möglichkeit, die Calling Station zu isolieren. Beispielkonstellationen beinhalten immer, dass wir als Hero die Action abschließen:

a.) UTG = ursprünglicher Raiser, MP = Calling Station, BU = Hero

Wir sehen sowohl die Action des Preflop-Aggressors als auch die Antwort der Station, bevor wir uns entscheiden, ob wir callen/raisen/folden.

b.) UTG = ursprünglicher Raiser, BU = Calling Station, BB = Hero

Auch hier haben wir den Vorteil, stets eine gute relative Position zum Preflop-Raiser zu haben, der in die Calling Station hineinbettet und für uns Dead Money absorbiert, während wir im BB die Action abschließen können. Entweder callen wir dann bei guten Odds mit soliden Draws (am besten Nutdraws, wie Nutflush oder Nutstraight) oder isolieren die Station und deren Dead Money, indem wir check-raisen, und so den Preflop-Aggressor aus der Hand drängen.

Beispiel zu 4.1:



Wir callen mit einem Suited-As hinter dem Preflop-Raiser und der Calling Station und erwirken, da wir sowohl eine gute Position als auch Pot- und Implied Odds gegen die Station haben, ein profitables Szenario. Auf dem Flop können wir zunächst das Verhalten des Raisers und der Station abwarten, um möglichst viel Dead Money in der Mitte zu absorbieren (der Bet des Preflop-Raisers). Anschließend besteht die Möglichkeit, mit einem Raise die Calling Station zu isolieren, die uns ausbezahlen wird.

4.2 Call to hit

Ein weiterer profitabler Spielzug gegen eine normalerweise pre- und postflop inaktive Calling Station ist das „call to hit"-Prinzip. Die Bedingungen für diese Strategie sind: Wir befinden uns in Late Position mit spekulativen Händen wie guten Suited Connectors (), Suited-Assen () oder einem kleinen Paar und die Station hat vor dem Flop geraist. Hier können wir öfter in den Pot einsteigen, wenn die Stacks entsprechend groß sind (100 BB Minimum): Die Implied Odds für eine Hand, mit der wir nichts weiter tun möchten als die Calling Station zu „outfloppen" (also eine stärkere Hand zu floppen/turnen/rivern), sind in dieser Situation erhöht. Ein wichtiges, aber nicht notwendiges Kriterium für ein solches Play ist ein passives Spiel der Gegner in den Blinds. Dadurch werden nicht zu häufig durch Raises aus der Hand gedrängt. Dominierte Broadway-Combos oder schwächere Offsuited-Asse eignen sich weniger für einen Call to hit, da die Station aufgrund ihrer geringen Preflop-Raise-Tendenzen sehr starke Hände eröffnet. Gegen eine solch starke Range haben wir sehr hohe Reverse-Implied-Odds bzw. können nicht oft genug eine stärkere Hand floppen. Weiterhin zu beachten ist, dass bei fortgeführter Postflop-Aggression der Station, verringerten Implied Odds und einer relativ schwachen Postflop-Handstärke (One-Pair-Hände, Top Pair/Weak Kicker etc.) ein Fold immer schnell in Betracht gezogen werden sollte. Daher trägt diese Strategie auch ihren Namen.

Beispiel zu 4.2:



Wir callen im Button mit einer spekulativen Hand bei guten Stacksizes (über 100 Big Blinds) und den damit einhergehenden guten Implied Odds gegen die Calling Station, deren UTG-Raising-Range extrem stark ist. Wir floppen nur Top Pair am Flop, aber haben eine kleine Chance, dass unsere Hand aktuell die beste ist. Sollte dies nicht der Fall sein, haben wir aber genügend Implied Odds, um den Call auf "nur" fünf weitere Outs gegen jedes Overpair zu tätigen. Da wir die Hand der Station hier sehr gut einschätzen können (starke Made Hand, Overpair), wissen wir, was wir am Turn oder spätestens am River zu tun haben, wenn wir nicht treffen – nämlich folden. Im Übrigen wäre ein Raise am Flop aus genau diesem Grund in dieser Situation ein katastrophaler Fehler. Ansonsten, wie in dieser Hand geschehen, ist eine Auszahlung bei diesem Gegnertypen am wahrscheinlichsten.

4.3 Isolation (IP, HU), also in Position, heads-up

Die größte Schwäche einer Calling Station ist ihr looses Preflop-Verhalten. Aufgrund der durchschnittlichen Schwäche ihrer Handrange können und sollten wir sie jederzeit mit einer spielbaren Hand in eine Heads-up-Situation verwickeln, möglichst in Position. Besonders gut eignen sich zur Isolation Hände, die dominierende Top-Pair-Typen floppen, wie z.B. oder auch . Wenn eine Station mit openlimpt, möchten wir die Situation in Position ausnutzen. Suited-Asse und Suited Connectors sind ebenso geeignet wie jede Broadway-Combo und sogar jeder Offsuited-Connector bzw. jedes Offsuited-As, da die Gefahr der Dominierung gegen einen Spieler, der permanent mit schwachen Händen openlimpt, relativ gering ist. Mit unserer Isolationsrange können wir daher extrem weit heruntergehen, da wir postflop mit unseren Händen sowieso relativ tight agieren und nur Hände aggressiv weiterspielen, die auf einem gegebenen Board oft die besten sind. Wichtig: Je schwächer unsere Isolationshand ist, desto besser müssen unsere absolute Position und die Spielerkonstellation am Tisch sein. Ein Isolationsversuch mit gegen eine Calling Station, die aus UTG limpt, wenn wir aber noch zwei loose Spieler hinter uns haben, die unseren Raise callen werden, lohnt sich absolut nicht. Das Ziel der Isolation und die Handkategorie müssen daher stets im Einklang mit den am Tisch gegebenen, positionellen Bedingungen sein.

4.4 Isolation (OOP, HU)

Typischerweise isolieren wir natürlich, wenn wir Position haben. Eine Isolation ohne Position mit einem bestimmten Ziel ist aber ebenfalls möglich. Ein passiver Gegner wird uns auch heads-up, out-of-position und mit einer marginalen Hand nur selten in Schwierigkeiten bringen. Für Draws, die wir nicht aggressiv spielen, erhalten wir oft Freecards und die Kriterien für Valuebets ändern sich durch fehlende Position aufgrund des passiven Gegnerverhaltens nicht. Ein besonders wichtiger Spot in Bezug auf Isolation entsteht, wenn wir auf die Calling Station selbst Position haben, aber OOP gegen den Rest des Feldes spielen. In diesem Fall lohnt es sich beispielsweise, etwas mehr Hände zu erhöhen, falls die Gegner hinter uns tight sind. Dadurch können wir häufig heads-up gegen die Calling Station spielen. Sitzen wir selbst in den Blinds, können wir genauso gut unsere Range für einen Raise auflockern, wenn wir damit möglicherweise die Station isolieren können. Auch hier sollte sichergestellt sein, dass alle anderen Limper oft genug folden werden und nur die Calling Station bezahlt.

Beispiel zu 4.4:



ist eine relativ marginale Hand. Da wir gegen die weite Range der Limper aber vorn liegen und vor allem die Calling Station isolieren möchten, raisen wir hier relativ hoch. Dieser Raise erzeugt maximale Fold Equity auf die beiden Limper und zieht die Calling Station in die Hand. Üblicherweise entscheidet ein solcher Gegner nicht nach der Größe des Bets, den er zahlen muss, sondern nur nach der Art der Hand selbst. So erreichen wir dieses profitable Szenario heads-up.

Wie nutzen wir die Schwachstellen am Spiel der Calling Station nun optimal, nachdem wir bereits preflop einige wichtige Anpassungen vorgenommen haben? Wir entwickeln im Folgenden Postflop-Strategien, die auf unseren bisherigen Anpassungen und der Erfassung der Schwächen unseres Gegners fußen.



5 Strategien, postflop:

5.1 Dead Money absorbieren (postflop, multiway)

Eine Station unterscheidet nicht zwischen einem Multiway- und Heads-up-Pot, sie beachtet ihre eigene Hand losgelöst von den überhaupt möglichen Händen und den anderen beteiligten Spielern. Daher wird sie auch häufig mit schwächeren Händen große Multiway-Bets zahlen. Dieses Dead Money möchten wir so gut es geht mitnehmen. Dabei müssen wir die Positionen der einzelnen beteiligten Spieler zueinander betrachten. Wie bereits im Abschnitt über die relative Position preflop beschrieben, ist dies in den o. g. Konstellationen a) über einen einfachen Raise/Call in Position und b) durch einen Check/Raise möglich.
Sitzen wir allerdings mit einer starken Hand ohne gute relative Position zum Preflop-Aggressor (Bsp. Set) und die Calling Station sitzt genau zwischen uns und dem Preflop-Aggressor, so sollten wir in die Station „hineindonken". So nehmen wir mögliches Dead Money von ihr mit, bevor der Preflop-Aggressor raist, und halten uns die Option offen, nach einem solchen Raise entweder den Raiser oder die Station isolieren zu können.

Beispiel zu 5.1:



Hier käme ein Preflop-Reraise niemals in Frage, da wir mit unserer Hand optimale Playability haben und somit die Station mit in der Hand haben möchten. Wir floppen unser Top Set und maximieren nun Pay-off, indem wir in guter relativer Position zu beiden Spielern donken. So schließen wir stets das Dead Money der Station zwischen uns und dem Preflop-Raiser ein und können eventuell sogar ein 3-Way-All-in provozieren. Würden wir hier umgekehrt zum Preflop-Raiser checken und dann checkraisen, hätten wir die Station womöglich aus der Hand vertrieben. Check/Call würde in diesem Fall ebenfalls weniger Dead Money absorbieren.

5.2 Thin-Value-Betting

Im Kampf gegen die Calling Station müssen wir nach erfolgter Isolation oder auch einer Multiway-Konfrontation gerade heraus bei der Schwachstelle der Station ansetzen und jede mittelstarke und natürlich auch starke Hand für Value betten bzw. raisen. Handkategorien, die üblicherweise nicht stark genug für Multiple Bets oder Raises erscheinen, wie Top Pair/Weak Kicker, können es im Spiel gegen die Station aber sein. Hier ist es besonders wichtig, Situationen und Board-Texturen einschätzen zu können. Gerade auf drawlastigen oder unkoordinierten Boards liegt man mit Top Pair meistens gegen eine Calling Station vorn. Ist dann auch noch der gegnerische Fold-to-Flop-C-Bet- und Fold-to-Turn-C-Bet-Wert niedrig, sollte man häufig einen Valuebet machen und wird oft ausgezahlt. Am wichtigsten ist das dünne Valuebetten am River, da der Pot hier am größten ist. Die Entscheidung, ob wir am River die beste Hand halten, ist üblicherweise eine sehr schwere, wird jedoch gegen die Calling Station etwas leichter, sofern man das Board und die gegebene Situation gut einschätzen kann. Hier ist es äußerst wichtig für unsere Winrate, dass wir niemals einen dünnen River-Valuebet verpassen, da der Erwartungswert eines solchen Bets gegen diesen Gegnertypen am höchsten ist.

5.3 Fold

Wenn die Station aktiv wird und bspw. einen unserer dünnen Valuebets raist, hält der Gegner meistens eine starke Hand. Halten wir nur eine schwache oder mittelstarke Hand, sollten wir folden. Ein passiver Spieler wird niemals ohne guten Grund dazu übergehen, seinem eigentlichen Naturell zu widersprechen und plötzlich aggressiv werden.

5.4 (Semi-)Bluffs

Umgekehrt liegt der Erwartungswert von Semi-Bluffs und puren Bluffs beim Spiel gegen die Calling Station üblicherweise im negativen Bereich. Wir dürfen hier nicht den Fehler begehen, eine normalerweise starke Strategie des Bluffens und Semi-Bluffens gegen die Calling Station anzuwenden. Weil die Station dazu neigt, auch mit schwachen Blättern zu callen, würden wir hier durch häufiges Bluffen nichts erreichen und dem Gegner in die Hände spielen. Somit müssen wir in jedem Fall unsere gängige Continuation-Bet-Frequenz herunterschrauben und von etwaigen Second oder sogar Third Barrels vollständig absehen. Auch hier sollte unsere Strategie, ähnlich dem „Call to hit"-Prinzip, einem „Raise to hit"-Prinzip vor dem Flop entsprechen. Ein Semi-Bluff kann jedoch erfolgreich auch gegen eine Calling Station eingesetzt werden. Bedingung dafür ist, dass wir einen Draw haben, den wir sehr oft treffen und zusätzlich meistens gecallt werden, wenn wir unsere Hand komplettieren und am River setzen. Die Situation muss hier aber gut differenziert werden, da beispielsweise ein Check-behind mit wenig Pot Equity, also einem marginalen bis mittelstarken Draw am Flop oder Turn, einen höheren Erwartungswert hat als ein Bet. Je geringer unsere tatsächliche Pot Equity, desto besser eignet sich eine passive Spielweise eines Draws. Da eine Calling Station auch selbst seltener die Initiative übernimmt, kommen wir mit marginalen und mittelstarken Draws oft genug an die benötigten Freecards. Umgekehrt, sollte die Station aktiv werden, erhöhen sich theoretisch unsere Implied Odds, da aggressives Verhalten einer Calling Station auf eine starke Hand schließen lässt, die uns ausbezahlen kann.



6 Zusammenfassung

Fassen wir abschließend noch einmal alle wichtigen Charakteristika und möglichen Strategien im Spiel gegen die Calling Station zusammen:

Profil der Calling Station

Stärken

Die Calling Station ...

  • ... ist nicht bluffbar und erhält Value von zu aggressiven Gegnern.
  • ... kann ihre Gegner leicht auf Tilt bringen.


Schwächen

Die Calling Station ...

  • ... spielt zu viele marginale Hände und callt mit diesen zu viele Bets/Raises.
  • ... erhält durch ihre passive Spielweise zu wenig Geld für ihre starken Hände.


Strategien gegen die Calling Station

Preflop

  • Spielen möglichst vieler Pots in guter relativer Position mit spekulativen Händen
  • Call to hit: preflop bei guten Implied Odds mit Händen callen, die eine starke, aggressiv gespielte Hand der Calling Station outfloppen können
  • Isolation der Calling Station durch Preflop-Raises in Position und out-of-position


Postflop

  • Isolation durch geschickte Donkbets oder Checks/Raises unter Beachtung der Positionen von Preflop-Aggressor und Calling Station
  • Thin Valuebetting: Valuebets gegen eine sehr weite Range an Händen, besonders am River
  • Fold, besonders nach dünnen Valuebets, wenn die Calling Station raist und das Board viele mögliche Handkombinationen zulässt, die uns schlagen können
  • Reduzierte oder sogar keine Semi-Bluffs bzw. pure Bluffs
  • Beachtung der puren Pot Equity, da keine Fold Equity vorhanden ist.

 


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