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FLHE 6-max: Blind Defense

Die Verteidigung der Blinds im 6-max Limit Hold'em


Limit Hold'em ist auf höheren Limits ein aggressives und kreatives Spiel, das sehr viel Action und Spaß für die Beteiligten bringt. Während sich kleinere Spiellimits durch höhere Passivität auszeichnen, wird auf den höheren Levels wesentlich aggressiver und technisch versierter gespielt. Dadurch, dass trotz der Aggressivität allgemein tighter agiert wird, nimmt die Bedeutung des Stehlens und des Verteidigens der Blinds stetig zu.
Der Umstand, dass auf den höheren Levels deutlich weniger spieltheoretische Fehler gemacht werden führt dazu, dass die allgemeinen Gewinnraten der Spieler zunächst sinken. Insofern macht es für unsere Gewinnrate einen deutlichen Unterschied, wenn wir die üblichen 0,75 BB an Blinds (1 Small Bet = 0,5 BB für den Big Blind, ein halber Small Bet = 0,25 BB für den Small Blind) gewinnen können.
Da auf höheren Partien (10/20 und höher) jeder Gewinn über 0,8 BB pro 100 Hände heutzutage schon als Beweis für hervorragendes Spielverständnis gelten muss, wird dem Leser schnell klar, wie wichtig eben jene pro Runde auszukämpfenden 0,75 BB sind.

Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Spiel aus Positionen zu, die potentiell besonders gut geeignet sind, die Blinds zu stehlen, wie Cut-off und Button, beziehungsweise Positionen, in denen wir die Blinds häufig verteidigen müssen (logischerweise Small und Big Blind). Dies sind auch die beiden Positionsgruppen, aus denen der gute Pokerspieler

a) am meisten Geld gewinnt (Cut-off und Button) bzw. 

b) auf denen er auf lange Sicht aufgrund der Pflichteinsätze Geld verlieren wird (Blinds).

Die Kunst besteht darin, in den Blinds das Minimum zu verlieren, worauf dieser Artikel vertiefend eingeht.

Allgemein:


Allgemein gesprochen gibt es eine klare Abhängigkeit zwischen Spiel-Limit und Qualität der Gegner. So trifft man auf den höchsten Limits auf die besten Spieler und auf den niedrigeren Stakes eher auf schlechtere Gegner. Wir brauchen also Strategien und Taktiken, die es uns erlauben, in jeder Situation kreativ gewinnbringend spielen zu können. Hierzu ist es von großer Bedeutung, dass wir unsere Handranges, mit denen wir uns gegen Angriffe verteidigen, den Handranges der Gegner anpassen – d.h., dass wir genau überlegen müssen, wie unsere Gegner die aktuelle Spielsituation sehen.

Wir müssen uns also fragen, ob die Gegner auf ihre Position achten, ob sie bereits darüber nachdenken, wie sich die Gegner in späteren Positionen wohl verhalten werden, oder gar was die Gegner denken, was wir denken, was sie wohl denken usw. Wir müssen also herausfinden, auf welchem mentalen Level sich unsere Gegner befinden, auf welcher Ebene sie also ihr eigenes und das Spiel ihrer Gegner reflektieren. Naturgemäß wollen wir gegen solche Gegner spielen, die auf einem möglichst niedrigen Niveau denken. Das kann man sich aber nicht immer aussuchen. Daher müssen ernsthafte Pokerspieler herausfinden, wie Gegner auf höheren pokermentalen Levels denken und agieren.

Der Ansatz, der in diesem Artikel dargestellt werden soll, basiert vornehmlich auf reiner Equity: Er stellt unsere Hände denen gegenüber, mit denen ein tighter Gegner openraisen würde. Wenn ein Gegner loose-aggressiv oder extrem tight ist – und dies wird im Artikel später ausgeführt – sind Anpassungen notwendig.

Small Blind – Verteidigung gegen Angriffe aus dem Feld


Ein Fehler, den viele Spieler begehen, ist die ungenügende oder falsche Verteidigung ihrer Small Blinds. Viele Anfänger und auch einige fortgeschrittene Spieler unterschätzen die Folgen, die durch unzureichende Blind-Defense entstehen können. Zum einen machen sich diese Spieler so zum Opfer aggressiver Blindstealer, indem sie ihre Blinds quasi gegenwehrlos verschenken, zum anderen verpassen sie die Chance, den Big Blind mit einem ausreichenden 3-Bet mit Resteals unter Druck zu setzen und so Dead Money in Form eines foldenden Big Blinds zu generieren.

Ergo: Wenn wir mit unserem Reraise gegen ein Openraise des Button erfolgreich sind und gleichzeitig den Big Blind zum Folden bringen, bekommen wir einen halben Big Bet (den geposteten Big Blind im Wert von einem Small Bet) mehr in den Pot und erhöhen damit potentiell unsere Winrate. Dies mag gering erscheinen vor dem Hintergrund, dass wir im Limit Hold'em in jeder Hand maximal (falls der Gegner mitspielt) zwölf BB investieren können. Zu bedenken ist jedoch, dass die durchschnittliche Gewinnrate pro Hand von Händen wie AK suited oder AK offsuit mit circa 0,55 BB genau einem solchen Big Blind entspricht (Quelle: eigene Pokerdatenbank über die letzten 145.000 6-max-Limit-Hände) und damit der "bescheidene" Zugewinn von 0,5 BB in Form von einem "toten" Big Blind viele Hände spielbar macht.

Insofern sollten wir einen Fehler, der vielen Spielanfängern häufig unterläuft, vermeiden und auf das Coldcallen von Openraises aus dem Small Blind verzichten. Wir gewinnen beim Coldcallen weder mögliche Fold Equity später in der Hand noch Initiative noch können wir die eben angesprochenen "toten" 0,5 BB vom Big Blind mitnehmen.

Deshalb haben wir eine Tabelle erstellt, die aufzeigt, mit welchen Händen wir einen Resteal unternehmen sollten. Ein wichtiger Umstand hierbei ist, dass wir immer reraisen, sollten wir nach einem Openraise in eine Hand einsteigen. Mit der Tabelle verfolgen wir das Ziel, auch gegen tighte Gegner möglichst nie oder nur selten dominiert zu sein bzw. nie mit einer zu schwachen Hand ins Spiel einzusteigen.

Small Blind – Den Big Blind attackieren

Wenn zu uns im Small Blind gepasst wurde, besitzen wir eine Einschätzung davon, was vier von sechs Spielern von ihrer Hand halten und selbst wenn wir unsere ebenfalls für wenig attraktiv halten, so sollten wir dennoch den Big Blind mit einer großen Anzahl von Händen unter Druck setzen. Diese Range sollte größer sein als die meisten Spieler annehmen, denn häufig verfügt auch der Big Blind über eine marginales Hand und wir wollen die Chance nicht ungenutzt lassen, unserer Winrate seine geposteten 0,5 BB hinzuzufügen. Wie bereits in unserem Openraising-Chart aufgeführt, kann man den Big Blind profitabel mit folgenden Minimalanforderungen in einer normalen Blind-Struktur unter Druck setzen:
33, A2 suited, A2 offsuit, K3 suited, K4 offsuit, Q5 suited, Q6 offsuit, J5 suited, J6 offsuit, 65 suited, 76 offsuit
Es versteht sich von selbst, dass bessere Hände als die hier angeführten natürlich erst recht geeignet sind, den Big Blind zu attackieren.


 


Big Blind – Verteidigung gegen Angriffe aus dem Feld


Von 100 Händen, die 6-handed gespielt werden, sitzen wir mehr als 16-mal im Big Blind. Die Natur der meisten heutigen Limit-Hold'em-Partien macht quasi jeden Raise vor dem Flop (vermehrt inzwischen auch auf niedrigen Spiel-Limits) zu einer Steal-Situation, die Spiele werden immer aggressiver und die involvierten Spieler haben im Vergleich zu der Situation vor wenigen Jahren ein deutlich höheres Spielniveau erreicht. Wir müssen nun als denkender Spieler gut auf unsere Big-Blind-Verteidigung achten, um uns diesem Trend anzupassen.

Dies bedeutet unter anderem, dass wir nicht nur gegen Angriffe aus dem Cut-off, Button und Small Blind gewappnet sein müssen, sondern auch einen Plan im Hinterkopf haben müssen für Spielsituation, in denen Hijack- oder UTG-Spieler vor dem Flop erhöhen und uns so potentiell (falls zu uns gepasst wird) vor eine Entscheidung stellen.

Dabei müssen wir equitybasiert denken, was bedeutet, dass wir uns genau überlegen müssen, welche Hände der Gegner aufgrund seiner Position und seiner Spielveranlagung halten könnte. So werden beispielsweise tight-aggressive Gegner in einem 6-max-Spiel wohl kaum under-the-gun mit K2 suited openraisen, dies jedoch mit hoher Regelmäßigkeit aus dem Small Blind machen. Effektive Blind-Defense im Big Blind bedeutet daher, eben jene Anpassungen vorzunehmen, um vor dem Flop weder zu übertrieben häufig noch zu selten gegen die Erhöhungen unserer Mitspieler zu verteidigen.

Daher möchten wir an dieser Stelle eine Tabelle einführen, die in ihren Grundzügen an unsere 6-max-Starthand-Tabelle angelehnt ist. Dieser Chart bildet die Grundlage für tight-aggressives Spiel und dementsprechend besitzen wir ein gutes Tool, mit dem wir uns ohne Verlust von Equity gegen unsere Gegner verteidigen können, da wir nur mit Händen callen/raisen, die der Range unseres Gegners in seiner Position in der Regel mindestens ebenbürtig sind.


Zu bemerken sei an dieser Stelle noch, dass wir selbstverständlich Anpassungen an die unterschiedlichen Gegnertypen vornehmen müssen. Wenn wir in der Hauptsache gegen extrem loose-aggresssive Gegner spielen, die vor dem Flop mit einer deutlich größeren Range an Händen openraisen, oder wenn wir gegen extrem tight-passive Gegner spielen, die ohne solide Starthand nicht in einen Pot einsteigen, dann müssen wir im einen Fall unsere Blinds stärker verteidigen (insbesondere auch mit Händen wie Suited Connectors und kleineren Paaren gegen Raises nicht nur aus dem CO und Button) und im anderen Fall unsere Range an die größere Stärke des Gegners anpassen (z.B. weniger mit schwächeren Offsuited-Aces oder häufig dominierten Händen wie vielen Queen- oder King-Kombinationen verteidigen).

Big Blind – Verteidigung gegen Angriffe aus dem Small Blind

Wie im Abschnitt über das Attackieren des Big Blinds aus dem Small Blind bereits erwähnt wurde, stellt dieses Manöver ein absolut profitables und wichtiges Mittel im Arsenal eines 6-max-Spielers dar. Aufgrund unserer Kenntnis darüber, wie wir selbst als Small Blind den Big Blind angreifen würden, können wir nun als Big Blind eine erfolgreiche Gegenstrategie entwickeln. Zunächst einmal ist es wichtig festzustellen, dass gerade diese Situationen extrem abhängig von dem Spielertyp sind, mit dem wir es im Small Blind zu tun haben. So gibt es Spieler, die in solchen Szenarien oft von reiner Aggressivität gesteuert sind und blindlings jede Spielstraße mit Bets bombardieren, obgleich sie nichts oder nur wenig getroffen haben. Auf der anderen Seite stehen dann die Spieler, die zwar sehr häufig unseren Big Blind angreifen, dann aber bei entsprechender Gegenwehr extrem passiv und verschüchtert fortfahren.

Daran muss sich unsere Verteidigungstrategie orientieren:

  • Gegen den ersten Spielertyp (sehr loose-aggressiv) sollten wir versuchen, möglichst preiswert zum Showdown zu gelangen und auch marginalere Hände hier nicht zu folden.
  • Gegen den zweiten Spielertyp (eher passiv) sollten wir in Position die Initiative übernehmen und unseren Gegner – wenn die Situation es aufgrund Floptextur etc. zulässt – zur Aufgabe seiner Hand bewegen. Ein gut getimter Turnraise z.B. kann einen weak-tighten Gegner sehr aus seinem Spielkonzept bringen. Dies jedoch setzt genaue Kenntnis der gegnerischen Tendenzen voraus und sollte von Anfängern vorsichtig angegangen werden.

Halten wir fest, dass wir wegen der großen Openraising-Ranges vieler Small Blinds unseren Big Blind mit vielen Händen verteidigen können.
Als Handrange für die Verteidigung des Big Blinds schlagen wir als Mindestanforderung folgende Hände vor:
, suited, offsuit, suited, offsuit, suited, offsuit, suited, offsuit, suited, offsuit

Zusammenfassung/Fazit:

Die erfolgreiche Verteidigung der Blinds nimmt analog zur Höhe der Spieleinsätze auf den unterschiedlichen Limits des Fixed-Limit Hold'ems zu. Da bei niedrigeren Blinds häufig loose und passiv gespielt wird, kann man auch ohne eine Blindverteidigungsstrategie (niedrigere) Gewinne einfahren. Auf den höheren oder aggressiveren Limits ist es aber nicht mehr machbar, auch nur ein Plus-Minus-Null-Ergebnis zu realisieren, wenn man nicht genauestens die Bedeutung und Strategien zur optimalen Blind-Verteidigung verstanden hat.
 
Dieser Artikel soll eine Grundlage für diese wichtige Strategie bilden. Da das Thema aber sehr komplex ist, kann ein solcher Artikel auch nicht alle Aspekte abdecken. Es ist nicht möglich, alle möglichen Spielsituationen im Vorfeld zu erläutern. Dennoch soll dieser Artikel helfen, den Leser auf seinem Weg zu einem kompletteren Spieler zu unterstützen.
Die notwendigen Anpassungen an „Nicht-Labor-Bedingungen" vorzunehmen, obliegen dem Spieler. Er muss lernen, seine Gegner am Tisch einschätzen zu können und wissen, wann er etwas häufiger (gegen loose-aggressive Gegner) und wann er etwas weniger intensiv (gegen weak-tighte Gegner) seine Blinds verteidigen muss. Dies ist ein Erfahrungsprozess, der sich mit längerer Spieldauer einstellt. Die zur Verfügung stehenden Charts bilden jedoch für den interessierten Ein- und Umsteiger einen soliden Startpunkt, von dem aus er operieren kann und sollte.

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